Naturheilkunde – Ordnungstherapie

Entwicklung der Ordnungstherapie durch Bircher-Benner in der Naturheilkunde im 20. Jahrhundert

J. Melzer D. Melchart, R. Saller

a Departement Innere Medizin, Abteilung Naturheilkunde, Universitätsspital Zürich, Schweiz

b Zentrum für naturheilkundliche Forschung, II. Medizinische Klinik und Poliklinik, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Der Begriff der Ordnungstherapie stellt einen der fünf therapeutischen Bereiche dar, durch den die mitteleuropäische Naturheilkunde im deutschsprachigen Raum definiert ist.
Fragestellung: Wer prägte den Begriff Ordnungstherapie in der Naturheilkunde, und welche Inhalte lassen sich herauskristallisieren?

Methoden: Medizinhistorische Heuristik und Quellenkritik der Fachliteratur des 20. Jh. sowie Datenbankrecherche.

Ergebnisse: In aktuellen deutschsprachigen medizinischen Lehrbüchern gehört die Ordnungstherapie zu den fünf therapeutischen Bereichen, die die mitteleuropäische Naturheilkunde definieren.
Die inhaltliche Ausformulierung ist jedoch unterschiedlich und reicht von Gesundheitstraining bis zu körperorientierten Psychotherapieformen. Die Ordnungstherapie wird immer wieder Sebastian Kneipp zugeschrieben, Begriff und Konzeption stammen aber originär vom Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner. Er prägt die Ordnungstherapie 1937 als Überbegriff für ein mehrdimensionales naturheilkundliches Therapiekonzept. Es basiert auf der nosologischen Vorstellung, dass Gesundheit Ordnung im menschlichen Organismus (physisch und psychisch), in der Umwelt und im Tagesablauf bedeute. Krankheit entstehe durch Unordnung in mindestens einem dieser Bereiche. Diese Ordnungstherapie ist inhaltlich durch neun Ordnungsgesetze bestimmt, die die Bereiche Ernährung, Hautorgan (Licht, Luft, Wasser), Atmung, Bewegung, Lebensrhythmus und Seelenleben umfassen. Bircher-Benner selbst gliedert die Ordnungstherapie in Somatotherapie (Ernährungstherapie, Sonnen- und Lichttherapie, Hydrotherapie, Bewegungstherapie, Atmungstechnik, Ordnung des Lebensrhythmus) und Psychotherapie.
Diese therapeutische Konzeption geht auf die eklektische Auswahl komplementärmedizinischer Verfahren zurück, die er seit 1897 erlernte und nach seiner therapeutischen Empirie subjektiv für eine therapeutische Organisation auswählte. Gleichwohl sieht er die Ordnungstherapie auch im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Kontexten der 1940er Jahre.

Schlussfolgerungen: Der Terminus Ordnungstherapie wurde 1937 von Bircher-Benner als ein naturheilkundliches Therapiekonzept geprägt, das, bis auf Einschränkungen bei der Phytotherapie, die Bereiche umfasst, die in aktuellen Definitionen von Naturheilkunde genannt werden. Jedoch wird die Ordnungstherapie heute häufig als nur ein Bestandteil der Naturheilkunde (Ernähungstherapie, Hydrotherapie, Bewegungstherapie, Phytotherapie und Ordnungstherapie) angesehen, während sie bei Bircher-Benner ein mehrdimensionales therapeutisches Konzept darstellt. Die Einordnung der Ordnungstherapie als eine der
«5 Säulen der Therapie nach Kneipp» stammt erst von Kneipp-Ärzten in
der Mitte des 20. Jahrhunderts und ist daher neu zu diskutieren.